
Sinisha Lüscher:
«Ein guter Tag ist ein Tag mit einem guten Resultat.»
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Foto: Lorenz Reifler
«Das Kranzzeichen zu machen, hatte ich vorher noch nie erlebt. Das war für mich sehr speziell.»
Exklusiv-Interview mit Sinisha Lüscher
EP: Du hast eine intensive Saison hinter dir mit vielen Höhepunkten. Wenn du emotional zurückblickst: Was ist dir am stärksten geblieben?
Sinisha Lüscher: Emotional am stärksten bewegt hat mich wahrscheinlich der Bergkranz. Ein zweiter Höhepunkt der letzten Saison war aber sicher auch der eidgenössische Kranz. Die Umstände beim Bergkranz waren eher ungewöhnlich, und das bleibt einem im Hinterkopf. Ich habe mich im zweiten Gang verletzt und meinen Finger ausgerenkt. Den ganzen Tag hatte ich Schmerzen und wusste gleichzeitig, dass in einigen Wochen das Eidgenössische ansteht.
EP: Was hat dich angetrieben, um weiterzumachen?
Sinisha Lüscher: Für mich war dieser Bergkranz mental extrem wichtig, weil ich ihn in den Jahren zuvor mehrmals knapp verpasst hatte. Er hat mir Selbstvertrauen gegeben.
EP: Du hast dann trotz ausgerenktem Finger weitergeschwungen. Was geht in so einem Moment im Kopf eines Sportlers vor?
Sinisha Lüscher: Das geht nur mit Willenskraft. Ich wusste, dass der Finger draussen ist, aber auch, dass ich ihn noch halten kann. Niemand hat es wirklich mitbekommen. Ich habe nichts zu meinem Trainer gesagt, weil ich wusste, was er sagen würde. Er hätte mich schlafen geschickt und gesagt, ich müsse mich auf das Eidgenössische konzentrieren.
EP: Aber?
Sinisha Lüscher: Für mich war klar: Ich muss gewinnen. Das hat mir einen extremen Adrenalin-Boost gegeben. Ich war so im Tunnel, dass ich gar nicht realisiert habe, was ich da gerade leiste. Nicht viele schwingen nach einer Verletzung sofort weiter, aber für mich war es pure Energie.
EP: Und dann bist du trotz dieser Geschichte am Eidgenössischen wieder im Sägemehl gestanden. Gerade solche Wettkämpfe bringen enormen Druck mit sich. Wie hast du diese beiden Tage erlebt?
Sinisha Lüscher: Das Eidgenössische war das grosse Ziel dieser Saison. Die Erwartungen waren da – vom Umfeld, vom Team, von der Familie und natürlich auch von mir selbst. Der erste Tag war mental sehr hart. Mit zwei Siegen und zwei Gestellten war das für mich keine gute Ausgangslage. Ich war angeschlagen. Am zweiten Tag konnte ich dann aber sehr gut starten.
«Ich war so im Tunnel, dass ich gar nicht realisiert habe, was ich da gerade leiste.»
«Den Status Eidgenosse kann dir niemand mehr nehmen – den habe ich jetzt ein Leben lang.»
«Für mich ist der Schwingsport klar die Priorität. Aber die Arbeit ist ein wichtiger Ausgleich, schliesslich weiss man nie, was passiert.»
EP: Wie hast du es geschafft, den zweiten Tag zu drehen?
Sinisha Lüscher: Besonders geholfen haben mir meine Freunde, mit denen ich das Zimmer geteilt habe. Ich konnte abschalten. An so einem Fest prasseln unglaublich viele Eindrücke und Emotionen auf dich ein. Im siebten Gang, als ich gewonnen habe, wusste ich, dass ich den Kranz holen kann.
Als es dann so weit war, habe ich es im ersten Moment gar nicht richtig realisiert. Erst als rundherum alle so laut waren, wurde mir bewusst, was passiert ist. Das Kranzzeichen zu machen, hatte ich vorher noch nie erlebt. Das war für mich sehr speziell.
EP: Neben der körperlichen Belastung gibt es auch mental anspruchsvolle Phasen. Was hilft dir, wenn es im Kopf schwierig wird?
Sinisha Lüscher: Für mich ist es wichtig, dass man sich abgrenzen kann. Ich sage auch offen, wenn mir das Schwingen gerade zu viel ist, und dann wird bewusst über andere Dinge gesprochen. Es braucht ein Schwingen-Leben und ein Privatleben.
Im Schwingen versuche ich, so professionell wie möglich zu sein. Privat bin ich aber auch einfach ein 20-jähriger Typ, der manchmal dumme Gedanken hat. Diese Trennung hilft mir.
EP: Mit dem Kranzgewinn gehörst du nun offiziell zu den Eidgenossen. Hat dieser Status etwas an dir verändert?
Sinisha Lüscher: Nicht wirklich. Ich hatte den eidgenössischen Kranz schon früh als Ziel im Kopf. Für mich ist das heute eine gute Ausgangsposition. Man weiss nie, wie lange man gesund bleibt oder wie weit es noch geht. Aber den Status Eidgenosse kann dir niemand mehr nehmen – den habe ich jetzt ein Leben lang.
EP: Du stehst seit jungen Jahren in der Öffentlichkeit. Wie gehst du mit dieser Aufmerksamkeit um?
Sinisha Lüscher: Man überlegt sich zweimal, was man sagt oder macht. Wenn du etwas machst, wird es beobachtet und manchmal auch medial aufgegriffen – egal ob positiv oder negativ. Ich war auch schon wegen Kleinigkeiten in den Medien, die für mich eigentlich keine grosse Sache waren.
Das ist immer noch neu für mich. Seit ich 15 oder 16 bin, bin ich in der Öffentlichkeit. Man lernt, damit umzugehen, aber man ist nie ganz darauf vorbereitet, was daraus entstehen kann.
EP: Ein Thema, das dich von Beginn an begleitet hat, ist Rassismus. Wie erlebst du das heute?
Sinisha Lüscher: Als ich jünger war, war das sicher schwieriger. Es war für viele ungewohnt, jemanden mit dunklerer Hautfarbe im Schwingsport zu sehen. Am Anfang war das mental ein Nachteil. Aber mit der Leistung kommt Respekt, und heute schöpfe ich Kraft daraus. Was früher ein Nachteil war, ist für mich mittlerweile ein Vorteil.
EP: Neben dem Sport arbeitest du weiterhin als Kaufmann. Wie erlebst du diesen Spagat?
Sinisha Lüscher: Es ist hart. Ich finde es schade, dass man den Sport nicht voll als Profisport ausüben kann, aber ich verstehe es auch. Ich habe zuerst mit 70 Prozent gearbeitet und gemerkt, dass es zu viel ist. Seit Anfang Jahr konnte ich jetzt aber weiter reduzieren.
Für mich ist der Schwingsport klar die Priorität. Aber die Arbeit ist ein wichtiger Ausgleich, schliesslich weiss man nie, was passiert. Etwas zu haben, worauf man zurückgreifen kann, gibt Sicherheit.
EP: Wenn du auf ein Schwingfest gehst – wann ist es für dich ein guter Tag?
Sinisha Lüscher: Ein guter Tag ist ein Tag mit einem guten Resultat. Ich gehe nicht mit übertriebenen Erwartungen an ein Fest, aber mit dem Ziel, an diesem Tag zu gewinnen. Das ist für mich entscheidend.
EP: Vielen Dank für das Gespräch!

Foto: Taria Hösli
«Ich sage auch offen, wenn mir das Schwingen gerade zu viel ist, und dann wird bewusst über andere Dinge gesprochen.»